Schluss mit dem digitalen Maßband: Wie Algorithmen die Elektrokonstruktion von manuellen Fesseln befreien

In der Elektrokonstruktion großer Industrieanlagen herrscht oft ein paradoxer Zustand: Während die Anlagen selbst hochmodern sind, gleicht die Planung hinter den Kulissen mühsamer Handarbeit. Hochqualifizierte Ingenieure verbringen Stunden damit, in komplexen CAD-Modellen tausende von Komponenten manuell zu verbinden und Kabellängen mit einem „digitalen Maßband“ abzugreifen. Dieser Prozess ist nicht nur eine Verschwendung von wertvollem Talent, sondern die Geburtsstunde zahlreicher Fehlerquellen. Die Mista GmbH hat diesen Status Quo durchbrochen und zeigt, wie eine intelligente Parsing-Logik den Weg vom Entwurf zur fertigen Kabelliste radikal verkürzt.

Das Ende des Maßbands im digitalen Modell

Bisher war die manuelle Messung von Kabelwegen zwischen Sensoren, Motoren und Schaltschränken ein notwendiges Übel. Jede Positionsänderung im Layout löste eine Lawine an manueller Nacharbeit aus. In einer Umgebung mit tausenden Komponenten ist dieses Vorgehen ein massives wirtschaftliches Risiko. Ungenauigkeiten führen unweigerlich zu falschen Materialbestellungen, Zeitverzug auf der Baustelle und explodierenden Kosten.

„Große Kabelzulagen und Positionsänderungen von Schaltschränken führten zu Nacharbeit und höheren Kosten.“

Die technologische Antwort der Mista GmbH ist ein spezialisiertes Tool, das die Fachabteilung von der repetitiven Fleißarbeit entbindet. Während die Ingenieure sich auf die strategische Planung konzentrieren, übernimmt der Algorithmus die exakte Wegfindung und Längenberechnung – präzise, fehlerfrei und in Sekundenschnelle.

Graphentheorie als unsichtbarer Planungshelfer

Hinter der Automatisierung verbirgt sich eine beeindruckende mathematische Logik: Das Tool transformiert das statische 2D-Anlagenlayout in einen dynamischen mathematischen Graphen. Die gesamte Industrieanlage wird dabei wie ein neuronales Netzwerk oder ein GPS-System behandelt.

Das Tool interpretiert die DXF-Daten, erkennt Symbole sowie Geometriebeziehungen und berechnet über eine intelligente Wegfindung die optimalen Routen durch die Kabeltrassen. Der Clou dabei: Das System liefert nicht nur trockene Datenlisten. Als finales Ergebnis wird eine neue DXF-Datei generiert, in der die tatsächlichen Kabelwege bereits fertig eingezeichnet sind. Algorithmen übernehmen hier das Zeichnen, für das früher Menschen mühsam Linien ziehen mussten.

Qualitätssicherung durch „Plausibilitätsprüfungen“

Automatisierung bedeutet hier weit mehr als nur reine Geschwindigkeit – sie etabliert eine neue Ebene der Datensicherheit, bevor auch nur ein einziger Meter Kabel bestellt wird. Das Tool fungiert als unbestechlicher Prüfer, der das gesamte Layout gegen ein konfigurierbares Regelwerk validiert.

Das System erkennt automatisch unverbundene Leitungen, doppelte Betriebsmittelkennzeichen oder die Verwendung falscher Layer. Alle Inkonsistenzen werden sofort in einem Fehlerprotokoll dokumentiert.

„Dadurch wird verhindert, dass unvollständige oder inkonsistente Daten weiterverarbeitet werden.“

Diese automatisierte Qualitätssicherung garantiert, dass die nachgelagerten Prozesse in der Beschaffung und Montage auf einem absolut verlässlichen Fundament stehen.

Standardisierung als notwendiges Fundament

Die Implementierung dieses Tools beweist: Software allein ist kein Allheilmittel. Echte digitale Transformation erfordert die Disziplin, Prozesse an der Wurzel zu standardisieren. Damit die Algorithmen greifen können, wurden verbindliche Konventionen für Layer-Namen und eine zentrale Symbolbibliothek definiert.

Diese Standardisierung macht die CAD-Datei zur “Single Source of Truth”. Sie zwingt zu einer höheren Qualität im vorgelagerten Arbeitsschritt und sichert so die langfristige Skalierbarkeit der gesamten Konstruktion. Erst durch saubere Datenstrukturen wird die Elektrokonstruktion von einer reinen Zeichnung zu einem intelligenten Datensatz.

Nahtlose Integration in die Betriebswirtschaft (ERP)

Ein wesentlicher Erfolgfaktor ist die Überwindung der „Sprachbarriere“ zwischen der technischen Konstruktion und dem kaufmännischen Einkauf. Die Bedienung des Tools ist dabei denkbar einfach: Per Drag & Drop wird die DXF-Datei auf das Programm gezogen, und der automatisierte Prozess startet.

Die extrahierten Daten – von exakten Längen bis hin zu spezifischen Steckertypen und Artikelnummern – werden für das ERP-System aufbereitet. Dabei dient eine strukturierte Excel-Schnittstelle als strategische Brücke. Sie ermöglicht eine gezielte manuelle Endkontrolle, bevor die Daten sukzessive und vollautomatisiert in die Bestellprozesse fließen. Dieser hybride Ansatz sichert maximale Akzeptanz und Prozesssicherheit.

Fazit: Die Basis für die digitale Produktentstehung

Die Automatisierung der Verkabelung durch Mista GmbH ist ein Musterbeispiel für effizientes technisches Storytelling: Aus manueller Frustration wird durch den Einsatz von Python und Graphentheorie ein hochpräziser, digitaler Workflow. Das Ergebnis ist eine drastische Zeitersparnis, gesenkte Materialkosten und eine Qualität, die manuell kaum zu erreichen ist. Dieses Tool ist jedoch erst der Anfang – es markiert den Übergang von der rein zeichnerischen Konstruktion zur datengetriebenen, digitalen Produktentstehung.

Wenn Ihre CAD-Daten plötzlich „intelligent“ miteinander sprechen könnten – welche manuellen Prozesse in Ihrem Unternehmen würden morgen als Erstes verschwinden?